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Archive for November 2013

Gelesen: Miguel de Cervantes Saavedra - Die englische Spanierin

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14. November 2013 von

Cervantes, 1547 in Spanien geboren, ist wahrlich ein Kontrast zu Stefan Zweig, dessen Brief einer Unbekannten (1922) wir zuletzt gelesen haben. Aber Kontraste haben dahingehend ihr Gutes, dass sie uns Unterschiede sehr deutlich vor Augen führen können. In den letzten 2 Wochen hat unser Lektürezirkel also die Novelle Die englische Spanierin gelesen - nach anfänglichem Murren sogar mit Freude.

Cervantes Leben bietet an sich schon reichlich Stoff für literarische Verarbeitung: Als Sohn spanischer Adeliger studiert er Theologie in Salamanca und Madrid und tritt später in die Armee ein. In Kämpfen wird seine linke Hand verstümmelt und er selbst gefangengenommen. 5 Jahre lang lebt er als Sklave in Algier, bis ihn der Trinitarierorden freikauft und er nach Spanien zurückkehren kann. Ein Gesuch für die Stelle des Gouverneurs in der amerikanischen Provinz Soconusco wird abgelehnt. Stattdessen wird ihm die Veruntreuung von Staatsgeldern vorgeworfen und Cervantes landet im Gefängnis. Erst mit Don Quichote gelingt ihm ein Erfolg, der sich auch finanziell auszahlt. Aber auch dieses Geld verliert Cervantes und stirbt schließlich verarmt im Jahre 1616. Er wird vom Trinitarierorden stehend, mit den Füßen voran, beerdigt.

Die englische Spanierin ist nur eine von mehreren Novellen Cervantes, die zusammengefasst 1613 unter dem Titel Novelas ejemplares erscheinen. Eine Übersetzung ins Deutsche geschieht recht schnell, wobei der Titel mit Beispielhafte Novellen missverständlich übersetzt wird. Der Übersetzer ging davon aus, dass der Titel sich auf die formale Struktur der Novellen bezog. Cervantes hatte sich bei der Abfassung der Novellen nämlich vom Vorbild Boccaccios abgewandt und eine eigene Form entwickelt. Novelas ejemplares bezieht sich aber nicht darauf. Heute werden sie richtiger als Exemplarische Novellen bezeichnet, was dem Kern der Sache näher kommt.

 Die englische Spanierin erzählt die Geschichte von Isabela, die von Spaniern während der Plünderung von Cádiz entführt und in England erzogen wird. Trotzdem sie in England lebt hängt sie weiterhin ihrem katholischen Glauben an, genauso wie ihr englischer Ziehbruder Recaredo, der sich in sie verliebt. Um Isabela heiraten zu dürfen, wird er von der englischen Königin Elisabeth beauftragt, sich zu beweisen, indem er Schiffe kapert. Im Verlauf der Novelle widerfahren dem jungen Paar allerlei Schicksalschläge - Isabela überlebt knapp einen Giftanschlag, Recaredo gerät in türkische Gefangenschaft usw. - am Ende werden sie jedoch durch göttliche Fügung wieder zusammenfinden.

Der Erzähler der Novelle erscheint weitestgehend nicht im Text, nur an einer Stelle meldet er sich mit einem "ich" zu Wort, um den eifersüchtigen Charakter eines Nebenbuhlers herauszustreichen. Dieses Aufblitzen erinnert an die Einwürfe mittelalterlicher Erzähler in den großen Dichtungen, die ihre eigene Geschichte kommentieren, um ihr so einen größeren Wahrheitsanspruch zu geben: "Ich sage das, denn ich kann bezeugen, dass es so geschah." Die Handlungsstruktur passt in das Schema Deklassierung, Verlust, schicksalhafte Begegnung, Wiedererkennung und Vereinigung, wie es uns auch schon bei hellenistischen Vorbildern begegnet. Cervantes Novellen sind moralische Novellen, in denen Tugenden dargestellt werden, welchen der Leser nacheifern soll. Am ihrem Ende wird diese beispielhafte Lebensführung vom Erzähler klar zusammengefasst:

Diese Novelle könnte uns lehren, wieviel Tugend und Schönheit vermögen, sind sie doch beide zusammen wie auch jede für sich imstande, noch das Herz der Feinde zu rühren und mit Liebe zu erfüllen; und sie könnte uns überdies lehren, wie der Himmel auch das größte Mißgeschick in höchstes Glück verwandeln mag.

Recaredo erweist sich als guter Katholik, wenn er die feindlichen Spanier bei seiner Kaperfahrt nicht tötet, sondern wieder nach Hause schickt. Ebenso verfährt er mit den türkischen Galeerenfahrern, was ihm in seiner späteren Gefangenschaft das Leben rettet. Und auch Isabela ist nicht nur schön, sondern auch tugendhaft, wenn sie lieber ins Kloster geht und das Andenken an den vermeintlich toten Geliebten bewahren möchte. Diejenigen, die nicht nach den christlichen Tugenden leben, ereilt ein böses Ende in Gefangenschaft oder Tod.

Cervantes lässt außerdem in der Novelle eine reale historische Person als fiktive Figur auftreten: die englische Königin Elizabeth. Knapp 20 Jahre nach dem Desaster der spanischen Flotte vor der englischen Küste ist es die Figur der Elisabeth, mit der hier das Trauma der spanischen Nation geheilt werden soll. Elisabeth ist in der Novelle großherzig, klug und besonnen. Sie nimmt Isabela in ihren Hofstaat auf und widmet sich ihr persönlich, wie einem Familienmitglied. Ihre Entscheidungen sind gerecht und unnachgiebig, auch wenn die Konsequenz darin besteht, ihre Oberhofmeisterin einzusperren.

Bei allen Lesezirkelbeteiligten herrscht Einigkeit darüber, dass Cervantes Sprache für seine Zeit sehr modern wirkt und die anfänglich befürchteten Schwierigkeiten bei der Lektüre gar nicht eintraten. Die geraffte Erzählweise und die vielen Wendungen der Handlung haben einen hohen Unterhaltungswert. Es wird nicht die letzte Novelle von Cervantes gewesen sein, die wir lesen.

Die nächsten beiden Wochen werden wir uns nun Osteuropa zuwenden und die 1842 erschienene Novelle Der Mantel von Nikolai Gogol lesen.

Miguel de Cervantes Saavedra: Die englische Spanierin. In: Beispielhafte Novellen. Frankfurt, 1997.


Sprachen sind der Schlüssel zum Weltfrieden

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..das wissen wir auch nicht erst seit Batman und lernen schon in der Schule zumindest eine Fremdsprache. Wer nicht gerade Philologie studiert oder für ein internationales Unternehmen arbeitet, vergisst aber auch schnell wieder das Gelernte.

Komparatistikstudenten dagegen ärgern sich darüber, dass sie einfach zu wenig Sprachen sprechen, um Werke der verschiedenen Philologien überhaupt adäquat vergleichen zu können. Vor allem Latein und Altgriechisch, früher Grundbestandteil humanistischer Bildung und heute wenig gelehrt, erweisen sich manchmal als wirklich wichtig.

Vokabeln lernen ist anstrengend und manchmal auch langweilig. Es gibt viele Tipps, wie man sie lernen kann: aufschreiben, buchstabieren vorwärts und rückwärts, vorsingen. Und es gibt memrise, das ein bisschen auch an Wer wird Millionär? erinnert und nach einem ausgewogenen Zeitverhältnis bequem Vokablen serviert. Für jede gelernte Vokabel im Langzeitgedächtnis gibt es Punkte, die in einer Liste festgehalten werden. 

Am meisten Spass macht das Lernen also mit Freunden, denn der Ehrgeiz ist geweckt, wenn Freunde in der Bestenliste vor einem selbst rangieren. Wer jetzt also Lust auf einen wöchentlichen Wettbewerb hat, kann mir gern folgen.


Gesehen: Jurga Tumasonyte und Clemens Meyer haben gelesen

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9. November 2013 von

Ich habe es tatsächlich auch nur zu diesen 2 Lesungen geschafft, die im Rahmen der Tagung Junge Literatur in Europa stattgefunden haben. Kopfschmerzen halten mich heute von den letzten Lesungen leider auch ab. Trotzdem waren die beiden, die ich gesehen habe, sehr interessant.

Jurga Tumasonyte hat in Zusammenarbeit mit Liane Klein vom Institut für Baltistik der Uni Greifswald 2 ihrer Erzählungen vorgestellt und nicht, wie im Programm angegeben, ihren kommenden Roman. Das macht aber gar nichts, denn auch ihre Erzählungen sind gut anzuhören. Die Autorin hat kurz selbst in litauischer Sprache gelesen, bevor die deutschen Übersetzungen zu hören waren. Es blieb leider nur wenig Zeit für Fragen aus dem Publikum, die sich im groben vor allem darum drehten, ob sie von ihrem Schreiben leben kann und wie hoch die Auflagen für litauische Literatur im eigenen Land sind. 

Am Abend dann las Clemens Meyer im Café Koeppen aus seinem Roman "Im Stein" und jeder, der schon früh da war, war gut beraten, denn selbst der letzte hereingebrachte Stuhl war schon lange vor Beginn der Lesung besetzt. Die Stunde, die die Veranstaltung dauern sollte, ging so schnell herum, dass man sich wünschte, der Autor würde auch einfach weiter lesen oder im Zusammenspiel mit seinem Moderator weiter diskutieren und uns an seinen sponanten Weisheiten teilhaben lassen. Da wurde die Postmoderne abgekanzelt ("Was soll das sein? Moderne Post vielleicht!"), die Vorteile der Badewanne für den Schreibprozesse ergründet ("Duschen ist so flüchtig.") und über die Variation im eigenen Werk gesprochen.

Am Ende des Abends konnte das Publikum gut unterhalten und mit der perfekten Ausrede für die Pause im Schaffensprozess nach Hause gehen. "Der Meister muss auf seinem Kanapee ruhen, denn es reift in ihm."

Nachtrag: Schade, dass mein monatliches Budget keine Ausgabe von "Im Stein" zum Signieren zugelassen hat. Muss also doch das autogrammlose Bibliotheksexemplar ran.


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